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Bei zuen Gardinen und ausem Licht
Ein Merkmal von Adverbien ist, dass sie sich nicht beugen lassen. So lehrt es die Lehre. Dem Volksmund ist das herzlich egal. Für den sind danebene Sätze okaye Lösungen. Was nicht passt, wird passend gemacht. -  Von Bastian Sick

 SPIEGEL ONLINE Kultur vom 26.12.2007

Den alljährlichen Adventstee meiner Freundin Sibylle durfte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, allein schon wegen der Plätzchen nicht: Sibylle kann nämlich meisterlich backen. Während ich also an den Plätzchen knabbere, löchert mich ein junger Mann mit Fragen. Unter anderem will er wissen, ob ich im Privatleben ein Ordnungsfanatiker sei. Wer sich so leidenschaftlich mit der Sprache und ihren Regeln beschäftige, der lebe doch höchstwahrscheinlich in einer picobello aufgeräumten Welt, vermutet er. Ich kann nicht bestreiten, dass ich Ordnung sehr schätze und dass ich schnell nervös werde, wenn Dinge nicht an ihrem gewohnten Platz liegen. Noch nervöser allerdings würden mich offen stehende Schranktüren machen, gestehe ich ihm, das sei ein regelrechter Tick. Da muss Sibylle lauthals lachen: "Na bitte: Der Herr Sick hat einen Tick! Als hätten wir's nicht immer schon geahnt!" Ich werde etwas verlegen und murmele: "Der eine ist abergläubisch, der andere hat Höhenangst, und ich … nun ja" - "Und du erträgst eben keine aufen Türen!", vollendet Sibylle den Satz. Womit sie mal wieder genau ins Schwarze getroffen hat, denn wer sich von offen stehenden Türen nervös machen lässt, den bringen "aufe" Türen erst recht aus der Fassung.

Das Wort "auf" hat vor der Tür nichts zu suchen, es kommt eigentlich nur dann zum Einsatz, wenn der Vorgang des Öffnens ausgedrückt wird, also bei aufgehen, aufmachen, aufschließen oder aufbrechen. Wenn der geöffnete Zustand ausgedrückt wird, ist "offen" die bessere Wahl: offen stehen, offen sein, offen bleiben. Mit dieser Unterscheidung nimmt es die Umgangssprache nicht so genau, daher hört man häufig, dass etwas auf sei, wenn es eigentlich offen ist. So können nicht nur Menschen aufstehen, sondern auch Türen; Restaurants und Geschäfte können auf sein (im Münsterland können sie sogar los haben!), und wenn Kinder abends zu lange aufbleiben, kann es sein, dass ihre Augen irgendwann nicht mehr aufbleiben. So weit, so gut. Es gibt aber noch einen anderen Unterschied zwischen "offen" und "auf": "Offen" ist ein Adjektiv, und Adjektive können einem Hauptwort problemlos vorangestellt werden, weil sie sich beugen lassen und sich dem Hauptwort somit anpassen. Das Wort "auf" ist in diesem Fall aber ein Adverb, und bis auf ganz wenige Ausnahmen taugen Adverbien nicht als Beifügung (Attribut) vor einem Hauptwort.

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