Zur deutschen Sprache
Die Sprache ist ein Bild der Seele ...
www.sprache-werner.info
Zur deutschen Sprache
Die Sprache ist ein Bild der Seele ...

www.sprache-werner.info
Sprache / Bastian Sick Übersicht / Zwiebelfischiges / Zwiebelfischiges / C.Hallo, Fräulein!
 

  < zurück erweiterte Suche Seite drucken
 

 Hallo, Fräulein!
Wie macht man heute in einem Lokal auf sich aufmerksam? Hallo, Sie, dürfte ich wohl... Entschuldigung! Haaallo, ich würde gern... Sie, hallo, könnten Sie bitte... Das gute alte Fräulein ist uns abhanden gekommen, und bis heute haben wir keinen passenden Ersatz gefunden! Von Bastian Sick

Kultur SPIEGEL ONLINE   08. Februar 2006

In meinem Lieblingsrestaurant kann man sie täglich beobachten: Herren bei der Lokalgymnastik. Erst drehen und wenden sie den Hals, dann recken sie in einem bestimmten Moment den Arm in die Luft und führen hektische Winkbewegungen aus - mal nur mit der Hand, mal mit dem ganzen Arm. In besonders engagierten Fällen auch mit beiden Armen. Manche erheben sich dazu sogar vom Stuhl. Der Zweck dieser Übung ist, die Aufmerksamkeit der Kellnerin zu erregen, die wie verhext ausgerechnet immer dann in eine andere Richtung schaut, wenn man gerade etwas bestellen will oder zu zahlen wünscht. Dazu rufen die Herren "Hallo!" oder "Entschuldigung!", zunächst noch dezent, bald schon lauter, nach mehreren gescheiterten Versuchen fast verzweifelt.

Mein Freund Henry hat das nicht nötig. Er ruft in freundlichem Ton laut und vernehmlich "Fräulein!" durchs Lokal, und jeder dreht sich um, einschließlich der Bedienung, die dann natürlich nicht mehr so tun kann, als hätte sie uns nicht wahrgenommen. Für meinen Hinweis, dass "Fräulein" heute nicht mehr angebracht sei, hat Henry nur ein Schulterzucken übrig: "Aber 'Fräulein' wirkt! Und bisher hat sich noch keine der angesprochenen Damen bei mir beschwert." - "Bis dir so ein 'Fräulein' irgendwann mal - ganz aus Versehen natürlich - ein ganzes Kännchen Kaffee über die Hose gießt!" - "Die Emanzipation der Frau mag uns das 'Fräulein' ausgeredet haben, aber sie hat uns keinen Ersatz geboten. Das war ein Fehler. Nun sind wir zum Winken, Hallo-Rufen und Entschuldigung-Stammeln verurteilt. Damit gebe ich mich nicht zufrieden."

Zum Artikel



zum Seitenanfang < zurück Seite drucken