Die erste Auflage erschien im Jahre 1897 im Verlag von Max Niemeyer. Die zehnte, um die es hier geht, spannt den Bogen über 105 Jahre, so daß, wenn man alle zehn Bände nebeneinanderstellt, ein selbst dem Zeit- und Sinnwandel unterworfenes Meta-Wörterbuch entsteht, das man sogar fortlaufend lesen kann. Wem das zu teuer ist, der ist mit dem jüngsten Sproß dieser Reihe für die diachronische Wortschatzschau bestens ausgerüstet.
Deutsche Wörterbücher gibt es einige, und manche davon schätzt man vor allem aufgrund ihrer speziellen Herangehensweise. Der Paul ist das einzige einbändige Wörterbuch des Deutschen, das die Bedeutungen der Wörter historisch entwickelt, literarisch belegt und mit besonderem Augenmerk auch die Literatur nach 1945 einbezieht. Das bedeutet, daß hier nicht lediglich die Bedeutung (Wahrig) oder die etymologische Herkunft (Kluge) oder Sinngruppenzugehörigkeit (Dornseiff) eines Wortes erklärt ist, sondern die Bedeutung und Verwendung vom Auftauchen des jeweiligen Worts bis heute, belegt mit einer Fülle von Textstellen. Das Wörterbuch schlägt damit eine Brücke zum Verständnis älterer Literatur, vor allem der Klassik und Romantik, führt aufgrund seiner historischen Perspektive aber auch zu einer vertieften Reflexion über die Strukturen und Tendenzen unserer Gegenwartssprache.
Damit wird endlich dem Mißstand abgeholfen, daß unbekümmerte Zeitgenossen sich über alte Texte amüsieren, in denen beispielsweise von einem blöden Gesicht die Rede ist. Schlägt man nach, erfährt man, daß „blöde" soviel bedeutete wie heute "schwächlich" (Seite 179) und „Gesicht" die Fähigkeit zum Sehen (Seite 406) - hier geht es also um schlechte Augen. Derlei gibt es sehr vieles, und fleißige Altbuchleser gewöhnen sich daran recht schnell. „Zeitung" bedeutete „Botschaft, Nachricht", .,kurios" bedeutete „wißbegierig, neugierig" und so weiter. Das Wörterbuch ermöglicht damit einen Zugang zum alten Buch und zur alten Literatur, deren Überlieferung uns angesichts des Frakturverbots (1941) und dreister Rechtschreibpossen der Ministerialbürokratie (seit 1996) zu entgleiten droht. Es wendet sich insofern besonders auch an Deutschlehrer, und dies tut es bewußt in der traditionellen deutschen Rechtschreibung. Erstens wird dadurch klar signalisiert, was seriöse Verlage von diesem fortlaufend umgestalteten Unfug halten. Und zweitens kann ein wissenschaftliches Wörterbuch, das literarische Belege bringt, diese Belege nicht so ohne weiteres umschreiben. Schon daran zeigt sich, daß die Rechtschreibreform zwangsläufig nur noch kurze Lebensfrist hat.
Völlig neu gefaßt ist der „Wegweiser zum Wortschatz", ein vorangestelltes Sachregister, das den Wortschatz historisch-systematisch gliedert und didaktisch aufbereitet, dabei allerdings ein bißchen willkürlich erscheint. Der Redaktion mag man eine Ausgabe des vergriffenen Werks „Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen" (Dornseiff, zuletzt 7. Auflage von 1970) schicken, das im Verzeichnen von Bedeutungsgruppen bis heute ungeschlagen ist (zumal dessen Dicke auch belegt, daß man für dieses Vorhaben ein zweites Buch schreiben muß). Der Wegweiser bietet dennoch einen willkommenen Einstieg für den, der den Paul für eine Wörterreise nutzen will. So lassen sich die 87 verzeichneten Rotwelsch-Wörter ebenso leicht ermitteln wie eine ganze Reihe von Schimpfwörtern oder Rückmeldungspartikeln. In Hinsicht auf die von der Redaktion angestrebte Überblicksvermittlung ist das eine gute Sache. „Wir plädieren energisch dafür", schreiben die Bearbeiter, „den Wörterbuch-Wortschatz sachlich-begrifflich aufzuschließen und ihn so in den historischen und systematischen Zusammenhang zu stellen."
Nun, dieser Mühe hat sich Franz Dornseiff unterzogen, sein klotziger und überreicher „Deutscher Wortschatz" erschien in sieben Auflagen von 1933 bis 1970 bei De Gruyter, wenn auch ohne die Bedeutungsgeschichte und überhaupt ohne die üblichen Wörterbucheinträge. Ein Wörterregister gab es auch bei Friedrich Kluge, wurde später jedoch verworfen. Man darf hoffen, daß einer künftigen Paul-Auflage ein üppiges Register aller Einträge beigestellt ist - die Möglichkeiten der Rechnertechnik kommen dem sicher entgegen.
Nebenbei zeigt das Wörterbuch die sprachgeschichtliche Wurzel der Wörter auf. Daß es überhaupt als historisches Bedeutungs- und Belegwörterbuch aufgesetzt ist, grenzt es von „normalen" Wörterbüchern ab. Für jeden, der sich für die deutsche Sprache und ihren Wandel interessiert, ist das Deutsche Wörterbuch von Hermann Paul eine unbedingte Empfehlung, da es mit seiner entwicklungsgeschichtlichen Herangehensweise eine ungeahnt tiefe Einsicht in unsere Sprache bietet - und damit nicht nur rezeptiven Genuß, sondern auch die Fähigkeit zu einer entwickelteren Ausdrucksweise. Was will man mehr im Mief unserer phrasendreschenden Sprachgegenwart?
Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes. 10., überarbeitete und erweiterte Auflage von Helmut Henne, Heidrun Kämper und Georg Objartel: Max-NiemeyerVerlag, Tübingen 2002, 1243 S., 56,00 €.
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