Felix, der elfjährige Sohn meiner Schulfreundin Alexandra, ist ein aufgeweckter und überaus wissbegieriger Junge. Wann immer ich zu Besuch bin, bombardiert er mich mit Fragen. Seiner Mutter ist dies manchmal schon peinlich. So auch diesmal. "Wenn du in der Schule besser aufgepasst hättest, dann bräuchtest du jetzt nicht fragen", sagt sie. Felix grinst und erwidert: "Du meinst, dann brauchte ich nicht zu fragen." Seine Mutter schüttelt den Kopf: "Von mir aus 'zu fragen', aber es heißt 'du bräuchtest', das ist nämlich die Wunschform, du kleiner Naseweis!" Felix lässt sich nicht beirren. "Der Konjunktiv von 'du brauchst' lautet 'du brauchtest', nicht 'du bräuchtest'", sagt er ruhig. "So ein Quatsch", erwidert seine Mutter, "wer hat dir denn so was beigebracht?" Sie schaut mich hilfesuchend an. Ich zucke die Schultern: "Ich war's nicht! Aber es stimmt, was Felix sagt, er hat dir nichts Falsches erzählt." - "Oh mein Gott", stöhnt sie, "habt ihr euch jetzt etwa gegen mich verbündet? Dann sage ich wohl besser nichts mehr ohne meinen Anwalt!"
Doch der Blick in den Grammatik-Duden gibt Felix recht: Der Konjunktiv I von "ich brauche" lautet "ich brauche", der Konjunktiv II lautet "ich brauchte". Da die Konjunktiv-II-Formen von "brauchen" aber keinen Unterschied zu den Vergangenheitsformen aufweisen, sind sie leicht zu verwechseln: Der Satz "Ich brauchte deine Hilfe" kann in zwei Richtungen gedeutet werden: zum einen als Wunschform (Konjunktiv II) im Sinne von "Ich würde deine Hilfe benötigen", zum anderen aber auch als Beschreibung der Vergangenheit im Sinne von "Ich habe deine Hilfe benötigt". Aus diesem Grund hat sich neben der offiziellen Form ohne Umlaut ("ich brauchte") eine inoffizielle Form mit Umlaut eingebürgert: "ich bräuchte". Denn der Umlaut signalisiert unmissverständlich, dass der Konjunktiv und nicht die Vergangenheitsform gemeint ist.
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