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Gehirn - Geist / Gehirn u. Geist ZEIT / 2008/6 / T.Wesen der Gefühle
 

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Wesen der Gefühle
 Ute Frevert erforscht die Bedeutung der Emotionen. Seit 100 Tagen ist sie Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

DIE ZEIT, 15.05.2008 Nr. 21

Vorn, am Kopf des Tisches, sitzt eine Dame, die lange in Amerika war und jetzt merkt, dass sie wieder in Deutschland ist. »Sie sind weit weg«, sagt sie mit einer Geste des Bedauerns in Richtung des studentischen Publikums, das sich in die hintersten Stuhlreihen drängt. Um den Tisch herum sitzen fast nur Professorenkollegen.

An der Freien Universität Berlin tagt ein geschichtswissenschaftliches Kolloquium. Zu Gast ist die Historikerin Ute Frevert, die berichten will, wie sie künftig die Geschichte der Gefühle erforschen wird. Draußen in Dahlem hält endlich der Frühling Einzug, aber hier drin scheint die Zeit stillzustehen – Bildungshierarchie braucht Abstand. Als der Sozialhistoriker Jürgen Kocka dem Publikum die heutige Gastrednerin vorstellt und andeutet, sie habe zu ihrem neuen Forschungsfeld noch wenig veröffentlicht, da lacht die und sagt: »Du warst mein Doktorvater, nicht dass du das hier verheimlichst«, und schon fühlt sich der Abstand etwas geringer an. Die Frau war auch mal Studentin.

Das Gefühl der Ferne zu denen da vorn, zu denen da oben kennt jeder, der das deutsche Bildungssystem einmal durchquert hat. Und wer die persönliche Verbindung zu den Lehrenden nicht kennenlernt, hat es später schwer, jene allseits gebildete Persönlichkeit zu werden, die sich die späteren amerikanischen Spitzenuniversitäten anfangs bei Humboldt und Schiller abgeguckt haben, die well rounded personality, wie Ute Frevert es unlängst bei einem öffentlichen Gespräch über Bildung in Hamburg ausgedrückt hat, und dabei hat sie bedauert: Der Enthusiasmus, etwas zu entdecken, gehe in Deutschland verloren, wie die Lust, das Beste aus sich zu machen, anstatt partout der Beste zu sein. In der Diskussion um Exzellenz fehle die Lehre, der ganze Mensch komme zu kurz. Und bereits an den Schulen gehe das los: »Die Zeit, die Kinder in der Schule verbringen, wird nicht sinnvoll genutzt.« Als Mutter dreier Kinder, die in verschiedenen Ländern zur Schule gingen, hat die 53-Jährige allerhand Erfahrung in vergleichender Bildungsforschung gesammelt, die lässt sie einfließen.

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