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Bildung Grade Titel / Das deutsche Titelwesen / Der Doctorandus mit der Knochenfräse
 

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Der Doctorandus mit der Knochenfräse 
 Ein Promi-Chirurg mit dem „goldenen Händchen“

München im Januar 2008

Wenn schon nicht als „Professor“ oder wenigstens als „Dr. med.“ -  in Deutschland  kann sogar ein niederländischer „doctorandus“ preiswert (?) und erfolgreich (?) an der Wirbelsäule herumdoktern.

Übersicht
Gewerbefreiheit
Volkskrankheit Stenose
Nicht nur Erfolge
Nicht nur Erfolge
Werbung mit Nina Ruge
Portraits
Der „Doctorandus“
Der Doktorgrad in Deutschland
Die Irreführung mit dem „drs.“
Siehe den Fall „Professor“ Bankhofer
Studium in den Niederlanden

Gewerbefreiheit
In einem Land, in dem ein Maler nur dann selbstständig tätig sein darf, wenn er sich als „Meister“ (seines Faches) qualifiziert und die entsprechende Meisterprüfung abgelegt hat, ist es möglich, die Wirbelsäule schmerzgeplagter Menschen zu bearbeiten, und zwar nur auf Grund von zweifelhaften akademischen Nachweisen seiner Befähigung zum medizinischen Handeln. Der Fachmann an der Knochenfräse aus den Niederlanden heißt Horst Dekkers und ist Geschäftsführer der Münchner Alphaklinik.

Volkskrankheit Stenose
Wie der Spiegel (4/2008) berichtete, bemühen sich Dekkers Agenten weltweit um Kranke. Im Internet sind Sprechstunden im Ausland angeboten. Anhand von Kernspin-Bildern kommt Dekkers relativ häufig auf seine Lieblingsdiagnose, nämlich „Stenose“, laut Dekkers eine „unbekannte Volkskrankheit“. So weit so gut. Ein Neurochirurg an der Uni-Klinik in Leiden bezeichnet die Stenose als Alterskrankheit. „Bei diesem Wirbelleiden wuchert der Knochen, bis er den Rückennerv schmerzhaft einklemmt.“

Nicht nur Erfolge
Doch leider hinterließ Dekkers mit seinen bis zu 40.000,- Euro teuren Operationen eine ziemlich breite Spur von Misserfolgen. Etliche Schadenersatzklagen sind anhängig. Sein Leitmotiv in der Alpha-Klinik „Wo andere aufhören, fangen wir erst an!“ erhält auf diese Weise eine ziemlich abwegige Bedeutung. Natürlich bezeichnet Dekkers alle Klagen als unbegründet und operiert munter weiter.

Dekkers’ niederländische  Kollegen klagen über Patienten, die von Dekkers operiert worden seien, denen es schlechter gehe als zuvor und nun zu ihnen kämen. Manche Ärzte verweigerten eine Korrekturbehandlung.
 
Werbung mit Nina Ruge
Prominente Hilfe erhielt Dekkers u. a. von der TV-Journalistin Nina Ruge. Mit Dekkers hat sie das Buch “Das Geheimnis eines gesunden Rückens“ herausgebracht. Darin nennt sie ihren Co-Autor „DEN Top-Autor in der Orthopädie.“ Im Internet werden die Autoren vorgestellt mit:

Ex-Rückenpatientin Nina Ruge und der Wirbelsäulenspezialist Horst Dekkers informieren umfassend über Ursachen, Behandlung und Heilung von Rückenleiden. Jeder kann seinen Rücken trainieren und gesund erhalten. Prominente Zeitgenossen liefern dazu überzeugende Beispiele.

Portraits

Nina Ruge ist bekannt als Journalistin, TV-Moderatorin und Autorin diverser Bücher. Sie moderiert für das ZDF das erfolgreichste People-Magazin Leute heute und lebt in München.

Dr. (!) Horst Dekkers ist Wirbelsäulenspezialist, leitender Arzt und Geschäftsführer der Alpha-Klinik in München, die sich auf die Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen spezialisiert hat.

Und an anderer Stelle im Internet wird Dekkers als

Dr. med. Horst Dekkers, Facharzt für Allgem. Chirurgie“ vorgestellt.

Der „Doctorandus“
Laut Wikipedia gibt es für den Doktortitel – inoffizielle - Selbstbezeichnungen, so den „Drs.“, doctorandus, für eine Person, die eine Doktorarbeit schreibt. Da von Dekkers keine derartige Aktion bekannt ist und er aus den Niederlanden stammt, dürfte es sich bei dem von ihm geführten Titel um die dort gebräuchliche Bezeichnung  (Titel) doctorandus (drs.) handeln, und zwar als den gängigen Studienabschluss in den Geisteswissenschaften, der einst so genannt wurde, da man eine anschließende Promotion zum Doktor erwartete. … . Inzwischen aber haben die Niederlande sich komplett auf das Bachelor/Master-System umgestellt.

Im Niederländischen ist die Assoziation von doctor mit einem Arzt besonders stark, wobei es irrelevant ist, ob der betreffende Arzt promoviert hat. Allerdings wird die Anrede in so einem Fall dokter geschrieben.

Der Doktorgrad in Deutschland
In Deutschland wird dem Doktorgrad (-titel) nach wie vor eine besonders wichtige gesellschaftliche Funktion beigemessen. Erst kürzlich erreichte der amtierende Bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein die Annullierung der seit langem fälligen, vom Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble angeordneten und bereits in allem Umfang vorbereiteten Änderung des Passgesetzes. Mit ihr sollte die europaweit einzigartige deutsche (Un-)Sitte abgeschafft werden, den Doktorgrad, obwohl nach BGH-Rechtsprechung kein Bestandteil des Namens, im Pass als Namenszusatz einzutragen, Becksteins die Gemeinschaft der Ansehensbedürftigen überzeugendes Argument: Es sei lange Tradition!

Die Irreführung mit dem „drs.“
Der Doktorgrad (-titel) wird in Deutschland meistens mit der Abkürzung „Dr.“, also unvollständig, da ohne Fakultätsbezeichnung, angegeben. Er führt den Patienten durch die Ähnlichkeit der Buchstabenfolge (dr. – drs.) sehr leicht in die Irre. Entweder glaubt er, es handele sich um einen Arzt mit zweimaliger Promotion oder um einen Schreibfehler. Auf jeden Fall sieht er in dem häufig als Operateur erfolgreich hingestellten Dekkers einen promovierten Arzt. Das Missverständnis wird dadurch verstärkt, dass die Bezeichnung „Drs.“ In manchen Zeitungen und in Internetdarstellungen in „Dr.“ verwandelt wurde (siehe oben). Dekkers mag medizinisches Wissen während seines Medizinstudiums und während seiner Operationspraxis erlangt haben, mit seinem hervorgehobenen „drs.“ erweckt er den falschen Eindruck, ein Promotionsverfahren erfolgreich abgeschlossen zu haben.

Siehe den Fall „Professor“ Bankhofer

Studium in den Niederlanden



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