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Nicht "zukunftsfähig"
Leserbrief an die DEUTSCHE SPRACHWELT zum Beitrag "Eine Leitkultur zerfällt" -
von Thomas Paulwitz in DSW 33, Seite 1


Sehr geehrter Herr Paulwitz,

Der im Leitartikel zur Leitkultur dargelegten Meinung zur kritiklosen Übernahme von Anglizismen stimme ich grundsätzlich zu. Allerdings sollten wir bei der Abwehr des Denglisch nicht das deutsche Deutsch aus den Augen verlieren. Schon in der Unterzeile der Überschrift steht ein markantes Beispiel für schlechtes (deutschunfähiges) Deutsch. Dem dudenfähigen Wort „zukunftsfähig“ (Duden - Die deutsche Rechtschreibung 2006) möchte ich als Werber für klares Deutsch keine Zukunftsfähigkeit wünschen.  

Schon vor vielen Jahren kritisierte ich den Duden auf meiner Webseite, weil er das Suffix „fähig“ für den passivischen Gebrauch freigegeben hat. Das Ergebnis können wir täglich schriftlich wie mündlich in Form aller möglichen (Pseudo)-Fähigkeiten beobachten, von „abgasfähig“ bis „zugfähig“. Der Vorrat an Gegenständen und Begriffen, die be-„fähigt“ werden, ist unerschöpflich und wird auch weitgehend genutzt, um „dudenmäßig“ mit der Zeit zu gehen. Dabei werden oft die Suffixe „bar“ und „fähig“ verwechselt. Kaum mehr steigerbar (steigerungsfähig) ist die dudenfähige Verwandlung einer streichbaren Butter in eine „streichfähige“ und ein lenkbares Auto in ein „lenkfähiges“. Neueste Sprachblüte: „ein wartezimmerfähiger Patient“, womit jemand gemeint ist, der nicht übel riecht und keine ansteckenden Krankheit hat. Mit der Dudenmeinung im Rücken wird der Beitrag zum Verschandeln der deutschen Sprache nicht bemerkt. Gottfried Fischer, der Schriftleiter der “Wiener Sprachblätter“ hat mir im Jahr 2001 zum Thema „-fähig“ eine Liste mit über 120 Affixoiden (adjektivistisches Suffixoid) geschickt. Das Ergebnis aus 10 Jahren Sammeln. Sie dürfte bis heute erheblich erweitert worden sein. Theoretisch gibt es so viele „Fähigkeiten“, wie es Gegenstände gibt.

Das regelmäßige Lesen und Hören von neuen meistens unsinnigen Sprachschöpfungen und Unwörtern, nicht nur im Umgangsdeutsch, gleicht einer allgemeinen Einladung, den riesigen Sprachmüllkorb zu füllen. Prominente und Sprachkundige geben ein schlechtes und wirksames Beispiel, statt sprachliches Vorbild zu sein.

Die meisten Leser der Sprachwelt werden das Wort „zukunftsfähig“ nicht kritikwürdig empfinden. Lesen und hören sie doch ständig mit „fähig“ „suffix“ierte Gegenstände und Begriffe. Außerdem, es steht ja schließlich in der „Sprachwelt“ an auffälliger Stelle. Das Wort wird so oft benutzt, dass sich kaum mehr jemand fragt, was es bedeutet. Es hat wohl etwas mit „Zukunft“ und „Verhalten/Handeln“ zu tun. Das reicht schon allen, die dem allgemeinen Trend entsprechend nur mit halber Aufmerksamkeit lesen bzw. hören und schon zufrieden sind, wenn sie das Mitgeteilte ungefähr verstehen.

Wer jedoch aufmerksam zuhört (liest), mitdenkt und sich mit dem Sinn des Mitgeteilten fortlaufend auseinandersetzt, hält schon bei der „Zukunft“ inne und fragt, ist das jetzige Verhalten/Handeln im Hinblick auf die Zukunft (= die noch bevorstehende Zeit) oder das Verhalten/Handeln in der Zukunft gemeint? Und mit Einbezug des Kulturbegriffs, sollen wir die aktuelle Kultur, also die „Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Errungenschaften einer Gesellschaft (durch unser Verhalten/Handeln) so verändern, oder wie Glück sagte, „entwickeln“, dass sie eine Zukunft hat? Die Zukunft beginnt immer bereits in den nächsten Sekunden und umfasst alles Denkbare.
 
Das Suffix fähig löst weitere Fragen aus. Fähig zu tun, zu gestalten, zu verändern, zu beeinflussen, zu fördern? Und in passivischer Hinsicht im Sinne von geeignet, tauglich, würdig, trächtig, reich? Wie es im Artikel heißt gehöre zu einer zukunftsfähigen Kultur „aber auch eine ausdrucksstarke, ehrliche und verständliche Sprache, laufend weiterentwickelt von ihren Sprechern.“ Hier bin ich voll auf der Seite des Autors. Allerdings sehe ich in dem Schwammwort „zukunftsfähig“ keinen ausdrucksstarken und verständlichen, höchstens einen dudenfähigen Ausdruck, der nicht deshalb im Duden steht, also dudenfähig ist, weil er Ausdruck von gutem und richtigem Deutsch ist, sondern weil er zum „Umgangsdeutsch“ gehört, nicht zuletzt mit Dudenförderung.
 
Wörterbücher bieten mehrere das missverständliche „fähig“ vermeidende Ausdrücke an. So sind sogar im Rechtschreibduden von 2006 noch die Wörter
zukunftsgerichtet, -orientiert, -reich, -voll und -weisend  angeführt.

Im Wahrig stehen zur Auswahl:
zukunftsorientiert, -sicher, -tauglich und -weisend.

Ich biete weitere an:
zukunftsgeeignet, -gestaltend, -beständig, -würdig, -erhaltend, -fest und -fördernd und sogar –zerstörend.
  
Sicher lassen sich weitere Adjektive finden, die dem Sachverhalt näher kommen als das „dudenmäßige“ stereotypische und universell verwendete „-fähig“.

Die Angelegenheit erinnert mich an die Floskel „davon ausgehen“, die Wissen vortäuscht, wo Unwissen herrscht. Ohne sie kommt niemand mehr aus, wenn er etwas annimmt, glaubt, vermutet usw. (siehe hier). Das kann man nicht mehr als Unsitte bezeichnen, sondern als allgemein übliches Verbreiten von Falschinformationen. Der Duden hat diese Wendung früher korrekt erläutert. Er ist bereits eingeknickt und hat das Schwammdeutsch der Straße übernommen.

Ihr DSW-fähiger Leser
Ulrich Werner

Das Suffix "fähig"

Deutsch grundgesetzfähig?



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