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Der Lackmustest

 

Ein neuer Begriff macht sich in der Öffentlichkeit breit, mit dem ein einfacher Ausdruck sprachlich und bildungvortäuschend aufgeblasen wird. Der einfache und allgemein bekannte Ausdruck lautet Test und der aufgeblasene Lackmustest.

Lackmus ist ein aus bestimmten Flechtenarten gewonnener blauvioletter Farbstoff. Die wässrige Lösung besitzt die Eigenschaft, je nachdem, ob sie mit sauren oder basischen Stoffen zusammengebracht wird (also je nach pH-Wert), ihre Farbe zu ändern. Sie dient deshalb als Säure-Base-Indikator in der Chemie. Lackmus ist ein tiefblaues Stoffgemisch mit der CAS-Nummer 1393-92-6.

Der Name kommt aus dem Indogermanischen: leg heißt „tröpfeln“ und Mus steht für „Brei“. Der Name geht auf die Herstellung von Lackmus zurück, das aus einem Brei von Flechten und Wasser gewonnen wird, den man abtropfen ließ.

Lackmus wurde erstmals um 1300 von dem Arzt und Alchemisten Arnaldus de Villanova als chemisches Reagenz verwendet, d. h. als ein Stoff, der zum Nachweis und zur Identifikation eines anderen Stoffes benutzt wird.[1] Seit dem 16. Jahrhundert gewann man den blauen Farbstoff in größerem Maßstab (vorwiegend in den Niederlanden als Lakmoes) aus verschiedenen Flechtenarten. Nachdem das Geheimnis der Herstellung von Lackmus aus Flechten gelüftet war, wurden die grau gefärbten Flechten Leuconora tartarea und Rocella tinctoria unter den Namen Bergmoos und Klippmoos als Exportartikel aus den Niederlanden in andere Industriestaaten ausgeführt.
 
Neu ist die gehäufte Verwendung für völlig beliebige Sachverhalte, die weder einen sachlichen noch einen ideellen Zusammenhang mit der Aufgabe aufweisen, einen Stoff chemisch zu identifizieren, und zwar, ob er sauer oder basisch reagiert. Hierin gleicht er dem Ausdruck "Quantensprung",  mit dem in zunehmenden Maße etwas Großes (Leistung, Erkenntnis, Fortschritt) bezeichnet wird, obwohl er unvorstellbar klein ist. Der bekannte Ausdruck "Meilenstein" reicht offenbar nicht mehr aus. 

Beide Fällen sind eine gute Gelegenheit für Metaphernliebhaber, mit den speziellen Begriffen Bildung vorzutäuschen. Sie sind sicher, dass in der Allgemeinheit die Bedeutung dieser weltgewandt klingenden Wörter unbekannt ist. Um so mehr steigt ihr Ansehen.

Eine Steilvorlage für die Metaphernakrobaten bot der Spiegel (Online) mit seiner Aussage:

Das Wort werde umgangssprachlich auch zur Beschreibung von Situationen wesentlichen Erkenntnisgewinns außerhalb der Chemie verwandt. Zum Beispiel: „Die Verhandlungen über das Klimaschutzabkommen gelten als Lackmustest der europäisch-amerikanischen Beziehungen“. 

Wo der "wesentliche Erkenntnissgewinn" liegt´, wenn das Wort "Test" durch "Lackmustest" ersetzt wird, ist nicht erkennbar. Der informierte Leser gewinnt allenfalls die Erkentnis, dass der Erzeuger dieser Aussage nicht weiß, was ein Lackmustest ist.

Dann wären wohl Löcher im Balken ein Lackmustest für die Tätigkeit von Holzwürmern. 

 



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