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Vor Ort
Warnung vor einem Sprachwurm - Millionen Infizierungen (Treffer) in Google 

  

am 16.01.2005: 9,96 Millionen Infizierungen
am 20.01.2005: 10,3 Millionen Infizierungen
am 02.03.2005: 10,4 Millionen Infizierungen
am 27.03.2005: 3,36 Millionen Infizierungen
am 30.05.2005: 7,40 Millionen Infizierungen
am 14.06.2005: 3,17 Millionen Infizierungen
am 25.09.2005 12,5  Millionen Infizierungen 
am 01.12.2005 12,3  Millionen Infizierungen
am 01.02.2006  65    Millionen Infizierungen
am 04.03.2006  44    Millionen Infizierungen
am 30.05.2006 36,9  Millionen Infizierungen
am 09.09.2006 81,8  Millionen Infizierungen
am 21.10.2006 88,7  Millionen Infizierungen
am 07.12.2006   6,1  Millionen Infizierungen


Erläuterung in Wörterbüchern

Zuschriften und Kommentare

Ein lästiger Wurm bohrt sich immer tiefer in die Medien - und Köpfe. Er hat schon viele Journalisten, Politiker und Vertreter von Organisationen befallen, sogar die Deutsche Physikalische Gesellschaft. Das Übel ist weder ein Computerwurm noch ein gefährlicher Bandwurm. Gegen ihn helfen weder Computerprogramme noch Medikamente, sondern nur sprachliche Aufmerk- und Enthaltsamkeit.

Der Wurm heißt "VOR ORT".

Obwohl in der Auswirkung auf den Menschen keinesfalls vergleichbar hat die verheerende Flut in Südostasien eine riesige Schwammdeutschwelle erzeugt. Neben dem ständigen Bekenntnis, von etwas auszugehen und nirgends anzukommen, meistens von Schätzungen, kamen die erschütternden Berichte aus den einzelnen Ländern, jeweils entstanden „vor Ort“. Auch die langsam anlaufenden Hilfsaktionen für fast alle betroffenen Gebiete gingen an „vor Ort(e)“. Der aus der Bergmannsprache stammende Begriff schwirrt schon seit einigen Jahren in der Umgangssprache herum. Wer nicht sagen will oder kann, wo etwas stattfindet oder wo er sich gerade aufhält, dem hilft der Schwammbegriff „vor Ort“.

Der Sprachgebrauch

Der Sprachgebrauch bestimmt, was in die Wörterbücher gelangt. Allein die Häufigkeit beim Sprechen und Schreiben zählt. Die Richtigkeit ist unwichtig. Der Ausdruck „vor Ort“ zeigt erneut den schlampigen Umgang mit der Sprache "vor Ort". Nicht nur hier, da oder dort, sondern überall.

Die Wendung „vor Ort“ kann im Einzelfall den Sachverhalt verdeutlichen und daher eine Bereicherung der Sprache sein, wenn bspw. eine mit der ursprünglichen Bedeutung analoge Situation (unmittelbar davor) außerhalb eines Bergwerkstollens beschrieben werden soll. Sobald die Formulierung „vor Ort“ jedoch mit dem üblichen Hang zum Verallgemeinern auf nicht mit dem Originalsinn vergleichbare Fälle ausgedehnt wird, verliert die Sprache an Klarheit. Mit der Entfernung vom Originalsinn nimmt auch der Abstand zum eigentlichen Ort zu und zwangsläufig die Aussagekraft ab.

Der Bergmannausdruck „vor Ort“ ist erstmals im Jahre 1955 dokumentiert (Mackensen, „vor Orte arbeiten“), später in der Fassung „vor Ort arbeiten“ (1986, Wahrig). Im Jahre 1989 erhielt dieser Ausdruck die Anerkennung als umgangssprachliche Wendung für Ortsangaben auch außerhalb einer Kohlengrube. Der Duden erwähnt den Ausdruck aus der Bergmannsprache erstmals mit dem einschränkenden Zusatz „umgangspr.“ In der Bedeutung von und als Ersatz für „an Ort und Stelle“, allerdings mit der präzisen Angabe „unmittelbar, direkt am Ort des Geschehens“.

Es war abzusehen, daß die Übertragung dieser Wendung in den allgemeinen Sprachgebrauch nicht dem ursprünglichen Sinn nach eingeschränkt bleiben wird. Die bekannte und von den Wörterbuchredaktionen tolerierte Großzügigkeit beim Umgang mit der Sprache (vergl. den überstrapazierten Schwammbegriff „davon ausgehen“) führte von der unmittelbaren Nähe zu immer größeren Entfernungen weg vom Ort des Geschehens. Auch die Vielzahl der "vor Ort" liegenden Orte in der aktuellen Berichterstattung dämpft das Bedürfnis zu erfahren, wo genau dieser "vor Ort" liegende Ort ist. Die „vor Orte“ liegen häufig so weit vom Ort des Geschehens entfernt, daß der besagte Ort nicht vor, aber vielleicht daneben oder sogar hinter (welchem) Ort und kilometerweit weg liegt, in großflächigen Gebieten überall liegen kann.

Die allgemeine Tendenz sich schwammig auszudrücken wird durch die Medien bestärkt. Die ständige Wiederholung von „vor Ort“ erzeugt Gleichgültigkeit. Der Gedanke an den gemeinten Ort, sich vorzustellen, wo der gemeinte Ort liegt, wird verhindert. Die Angabe, die eigentlich informieren soll, läuft ins Leere. Es will dann niemand mehr genau wissen, wo der Ort und was davor liegt. Der Ort liegt dann irgendwo in dieser Gegend.

Der Ausdruck "vor Ort" hat durch die Aufnahme in den Wörterbüchern das Etikett für „Gutes Deutsch“ erhalten. Die ursprüngliche Bedeutung ist den meisten unbekannt oder gleichgültig. Der Glaube modernes Deutsch zu sprechen regt zum inflationären Gebrauch an. Die Angabe "vor Ort" ist meistens ein völlig unnötiges und informationsleeres Füllwort. Unsere Sprache bietet klare Ortsbezeichnungen an:„hier, da, dort, örtlich, daneben, davor, dahinter usw.

 


Erläuterungen in Wörterbüchern

zu "Ort" und "vor Ort"   

1955 Mackensen, Deutsches Wörterbuch

Ort m, Spitze, Schusterahle, Pfriem, Stelle, Platz, (am 3. Ort = nicht zu Hause; ... Dorf; Stadt; Ende eines Grubenbaus (vor Orte arbeiten); Seitenbrett am Bett, Kirchenstuhl
 
1963 Der Große Duden, in 9 Bänden, Bd. 7 Etymologie

Ort m: Mhd., ahd. Ort „Spitze (bes. einer Waffe oder eines Werkzeugs); äußerstes Ende, Punkt, Ecke, Rand; Stück; Gegend, Helle, Platz“. – Die ursprüngliche Bedeutung „Spitze“ spiegelt im heutigen Sprachgebrauch noch die Verwendung von „Ort“ im Sinne von „Ahle, Pfriem“ wider. Die Bedeutungen „Spitze, äußerstes Ende, Ecke“ sind bewahrt in geographischen Namen, beachte z. B. Darßer Ort, Ruhrort, und in der Bergmannsprache, in der „Ort“ im Sinne von „Ende einer Strecke, Abbaustelle“ verwendet wird, vergl. „örtern“ bergmännisch für „an der Schichtstrecke Örter anschlagen“ (siehe auch den Artikel erörtern). Gewöhnlich wird „Ort“ heute in den Bedeutungen „Stand(punkt), Platz, Stelle“ und „Siedlung, Dorf, Stadt“ verwendet. An diesen Wortgebrauch schließen sich an die Bildungen „Orten“ „die augenblickliche Position bestimmen (20. Jh.; dazu Ortung w), örtlich „eine bestimmte Stelle oder Ortschaft betreffend“ (18. Jh.). dazu Örtlichkeit w), Ortschaft w “Flecken, Dorf, kleine Stadt“ (18. Jh.). Die Verkleinerungsbildung Örtchen s wird als verhüllender Ausdruck für „Abtritt“ gebraucht, vgl. den Artikel Abort
 
1965 Der Große Duden, in 9 Bänden, Bd. 9, Hauptschwierigkeiten der deutschen Sprache

Ort: „Der Ort“ bedeutet „Örtlichkeit, Ortschaft“. Der Plural lautet „die Orte“; in der Seemannssprache und in der Mathematik „die Örter“. „Das Ort“ bedeutet in der Bergmannssprache „Ende der Strecke, Arbeitsort“. Der Plural lautet „die Örter“. In der Bedeutung „(Schuster)-ahle, Pfriem“ oder veraltet für „Spitze“ schwankte das Geschlecht. Es kann sowohl „der“ als auch „das Ort“ heißen. Der Plural lautet „die Orte“. In erdkundlichen Namen lebt Ort in der Bedeutung „Spitze“ noch fort, z. B. Darßer Ort (= Nordspitze der Halbinsel Darß)
 
1986 Wahrig, Deutsches Wörterbuch

Ort ....... 8. vor Ort arbeiten = die Strecke vorantreiben; (fig.; umg.) an der Stelle, an der etwas geschieht oder geschehen ist
 
1989 Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“

Ort m./n. Mhd. ort, ahd. ..... Die Bedeutung ist ursprünglich „Spitze“, besonders „Waffenspitze“, dann „äußerstes Ende“, und lokal betrachtet „Gegend, Stelle“
 
1989 Duden: Deutsches Universal Wörterbuch A bis Z

Ort (ahd. Ort = Spitze; äußerstes Ende, auch: Gegend Platz)
Lokalisierbarer, oft auch in Hinblick auf seine Beschaffenheit bestimmbarer Platz;
Ort, der, auch: das (eigentl. = Spitze,
Ort, das;(Bergmannsspr.); (das Ende einer) Strecke: meist in der Wendung: vor Ort; (1. Bergmannssprache; im Bergwerk; an dem Punkt in der Grube, wo abgebaut wird: vor Ort arbeiten. 2. ugs.; unmittelbar, direkt am Ort des Geschehens: sich vor Ort über die Geschehnisse informieren)
 
2000 Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache

Ort, der; Orte u. Örter = Spitze; äußerstes Ende, auch: Gegend, Platz):
1. a) Seemannsspr., Math., Astron.: Örter, lokalisierbarer, oft auch im Hinblick auf seine Beschaffenheit bestimmbarer Platz (an dem sich jmd., etw. befindet, an dem etw. geschehen ist od. soll); etw. an seinem Ort (da, wo es steht, liegt, hingehört) lassen; geometrischer Ort (Math.: Punktmenge, die gleichen geometrischen Bedingungen genügt);
astronomischer Ort (Astron.; durch Koordinaten angegebene Lage eines Gestirns am Himmelsglobus);
an Ort und Stelle, 1. an der für etw. vorgesehenen Stelle: die Turbinen waren endlich an Ort und Stelle. 2. unmittelbar, direkt am Ort des Geschehens;
höheren Ort(e)s (bei einer höheren [Dienst]stelle): am angeführten/angegebenen/(veraltet:) angezogenen Ort (Schrift- u. Druckwerke);
der gewisse/stille/bewußte o.?ä. Ort (ugs. verhüll.; die Toilette ); 1. b) Ort, im Hinblick auf die Beschaffenheit besondere Stelle, besonderer Platz (innerhalb eines Raumes, eines Gebäudes o. Ä.)
2. a) Ortschaft, Stadt o. Ä.: ein größerer, mondäner, menschenleerer Ort; b) Gesamtheit der Bewohner eines Ortes (2 a)
3. Ort, das; (schweiz. früher) Kanton: die fünf inneren Orte (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug); die acht, dreizehn alten Orte (die Glieder der Eidgenossenschaft 1353 bis 1481 bzw. 1513 bis1798).
Ort, der, auch: das; (eigtl.?= Spitze) (veraltet): Ahle, Pfriem.

Ort, das; Örter (Bergmannsspr.): (das Ende einer) Strecke (3): meist in der Wendung vor Ort 1. Bergmannsspr.; im Bergwerk; an dem Punkt in der Grube, wo abgebaut wird: vor Ort arbeiten, liegen, sitzen; Wenn ich einfuhr, brach mir der Schweiß aus, und vor Ort machte ich mir nur noch Gedanken, in welche Ecke ich mich retten müßte, wenn mal der Berg nachgäbe.

2. ugs.; unmittelbar, direkt am Ort des Geschehens: sich vor Ort über die Geschehnisse informieren; (Satzbeispiele aus 1975 und 1997)
 

Zuschriften und Kommentare

* Meldung in der F.A.Z. vom 31.12.2004

Ein Tag vor Ort
Die verschiedenen Tätigkeitsfelder für Physiker stellt das Programm „Ein Tag vor Ort“ der Deutschen Physikalischen Gesellschaft vor. Angehende und ausgebildete Physiker können von Januar bis April Unternehmen aus den unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen besuchen. Alle Termine und Anmeldungen unter www.eintagvorort.de

Mitgeteilt von Ingo Dedenbach, Bad Breisig,
an alle Sprachfreunde, die Redaktion der F.A.Z., den Hauptgeschäftsführer der Deutschen Physikalischen Gesellschaft Bernhard Nunner, E-Post: nunner@dpg-physik.de

mit dem Kommentar:
Die Teilnehmer bleiben vor Ort, werden also das Gebotene nur vor den Fassaden der Unternehmen wahrnehmen, da sie ja nie am Ort des Geschehens sind. Sprachlich Minderbemittelte, die sich den Eingang in das Weltnetz und die F.A.Z. erschlichen, fand ich unter „Kurze Meldungen“ in der Rubrik Beruf und Chance der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 31. Dezember 2004. Üblicherweise verwendet die F.A.Z. den Begriff: „...an Ort und Stelle“. Aber hier blieb ihren Journalisten wohl keine andere Wahl.
Ingo Dedenbach, Bad Breisig

*„Unser Dank gilt den Hotels vor Ort“ schreiben die vier Geschäftsführer: Kastner, Fiebig, Frese und Marbach in der Anzeige der Reiseveranstaltern: Meier’s Weltreisen, DERTOUR, IST, Jahn Reisen, Tjaereborg, und der LTU Fluggesellschaft (allesamt mehrheitlich im Besitz der REWE-Zentral AG, Köln) am 5. Januar 2005 in der F.A.Z.
Ingo Dedenbach, Bad Breisig

* An: zib1@orf.at (ORF)

Sehr geehrte Damen und Herren!
Anläßlich der Berichte über die Flutkatastrophe habe ich an die 30 mal gehört, daß VOR ORT geholfen, berichtet ect. wird. Gratuliere! Da sind die reinsten Zauberer am Werk, die alles VOR ORT, also vor dem Ort des Geschehens, bewältigen. Eine wohltuende Ausnahme war Herr Gerhard Groß in der Zib 1, der dieses saudumme vor Ort, AN ORT UND Stelle nannte. Herr Groß ist offenbar einer, der mit seiner Sprache sagt wie es ist.
Dietmar Jäger

* Als Unwörter schlage ich die Redewendungen:
"vor Ort", "einmal mehr" und "Sinn machen" vor, da diese immer öfter zu hören sind und mir im Ohre schon weh tun. Eine Reihung dieser Begriffe nehme ich nicht vor, da eigentlich alle drei gleich schwachsinnig sind.
Hannes Mang

* „Sind Sie im Moment vor Ort, ich meine, sitzen Sie vor dem Monitor des PC’s? Beim Überfall der Amerikaner und Briten auf den Irak war man vor Ort. Bei den Streubomben-Anschlägen auf die Zivilbevölkerung war die Feuerwehr vor Ort, aber leider nicht am Ort. Es ist sehr traurig. Mit unserer Sprache wird Schindluder getrieben. Viele Damen und Herren Journalisten machen sich zu oft keine Gedanken mehr, daß ihre miserable Sprache von Schülern und Erwachsenen kritiklos übernommen wird.“

* „Der Gebrauch der Floskel "vor Ort" ist ein abschreckendes Beispiel dafür, wie die Medien sprachliche Unschärfe dem Sprachvolk vorsagen und einhämmern. Da zahlreiche Medien (als Medium im wahrsten Sinne) ihre Übermittlungen von anderen (meist wiederum Medien) ungefiltert übernehmen und weitergeben, wird die Unschärfe des Ausdrucks bestärkt und angehäuft. Der Eindruck entsteht, daß Gott und die Welt nur noch von "vor Ort" sprechen, was so gar nicht stimmt. Es sind nur die allgegenwärtigen Medien. Würden die Medien diesen dummen Ausdruck nicht mehr transportieren, dann würde auch sein Gebrauch im Volke zugunsten der Klarheit der Sprache und des Verstehens abnehmen. Letztlich besteht der Unterschied doch darin, ob sich der Berichterstatter oder die Akteure im Zentrum oder nur in einem "Vorort" des Geschehens, d. h. in der nicht weiter definierten Nähe befinden. Der die Nähe bildende Ort kann 10 m oder 10 Km weit entfernt vom Geschehen liegen.“

* „Der Ausdruck "vor Ort" kommt bekanntlich aus der Bergmannssprache und bezeichnet den Punkt, vor dem der vorderste Bergarbeiter arbeitet. ORT hat hier die alte Bedeutung von SPITZE, hat also nichts mit ORT im Sinne von STELLE zu tun. Auch durch x-malige Wiederholung durch unsere Journalisten wird Falsches nicht richtig. Ich bin dafür, daß Journalisten sich möglichst an Ort und Stelle unterrichten und nicht nur davor.“
Thomas Paulwitz, Deutsche Sprachwelt

 



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