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Sprache / Wörtermarkt / Favoriten / -fähig/-bar Zusammenfassung / Semantischer Irrweg
 

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-fähig/bar - Der semantische Irrweg
(fähig / Fähigkeit / -fähig / -bar)

 

Übersicht

Zusammenfassung
Definitionen 

Sprachgebrauch    
Suffixoide     
Semantische Irrweg     
Die "bar"-Phobie     
Scheinfähigkeiten     
Zu den "Affixoiden"

Die Fähigkeit wird zur Eignung
Der Duden als scharfer Beobachter des Sprachgeschehens brauchte nicht lange, um für diese Sinnausdehnung eine Begründung zu finden, ohne jedoch zu erkennen, daß mit ihr das Tor zum Sprachmüllsammelplatz weit aufgesperrt wurde und welches Potential zum Verhunzen der Sprache in ihm steckt. So folgte schnell das grammatikalische Dudenplazet für das Suffix mit dem Satz:

"Daneben gibt es Bildungen mit einem Substantiv als Bestimmungswort, in denen "fähig" ausdrücken soll, daß etwas für etwas geeignet ist, daß etwas getan werden kann oder darf. Dazu setzte er die angeblich passenden, jedoch falschen Beispiele: anbaufähig - zum Anbau geeignet, ausbaufähig - zum Ausbau geeignet, abzugsfähig- abgezogen werden dürfend oder könnend usw."

Doch ein Jahr später heißt es im Grammatikband von 1966 unter "Adjektive in der Rolle von Suffixen" etwas vorsichtiger: Auch Adjektive können allmählich (!) zu Suffixen werden. Das betrifft vor allem Adjektive ohne festen Inhalt (?) wie .... "fähig", ...". Beispiele mit "fähig" fehlen eigenartigerweise. Hier leistet sich der Duden eine unverständliche Feinheit der Sprachpolitik. Im Ergebnis ist das großzügige Angebot des Dudens an die Sprachpanscher geradezu ideal zum Vergrößern des triefenden Schwamms, aus dem sich immer neue Wortschöpfungen zu einem "Fähigkeits"-Brei herauspressen lassen. In ihm lagern nun und vermehren sich täglich die Pseudofähigkeiten alle Art. Seit 1985 wirkt der Duden in strikter Beachtung seiner eigenen Genehmigung zum Verhunzen der Sprache fleißig mit.

Die "ratefähigen" Bilder
Im Bedeutungswörterbuch (1985) hat er die ersten kuriosen Wortbildungen mit "fähig" angeführt: ratefähige Bilder, beleidigungsfähige Katzen, ersatz-, bündnis-, vorladungs-, mehrheits-, recyclier-, kabarett-, kino-, endlager-, friedens-, lexikon- recyling-, steigerungs-, team-, urlaubs- und weltmarktfähig. Sein Vorbild schuf weitere Schwammwörter: Hier einige Kostproben aus dem inzwischen angereicherten Vorrat der vergangenen Jahre: regierungsfähig, abzugsfähig, genußfähig, schuldfähig, waffenfähig,versandfähig, medikamentenfähig, eurofähig, BTX-fähig, internetfähig, PC-fähig, steuerungsfähig, notstromfähig und verschreibungsfähig (das Medikament), mißbrauchsfähig, um nur einige zu nennen.

Wie wenig ausdruckskräftig derartige Schwammwörter sind, zeigen die offenen Fragen, die sie zwangsläufig aufwerfen: Bedeutet z. B. mehrheitsfähig die Mehrheit anzustreben, sie zu erringen, sie zu bilden, sie zu ertragen, sie zu gestalten oder sie zu erweitern? Die Vielzahl der möglichen Antworten lädt geradezu ein, dem Trend der Zeit folgend die Verschleierung zu nutzen, wenn der Sprechende oder Schreibende die Antwort selbst nicht kennt, sie nicht preisgeben will oder es anderen überläßt, sie herauszufinden.

Immerhin räumt der Duden in den "Hauptschwierigkeiten ..." (1965)ein: Obwohl häufig der Einwand erhoben wird, daß in diesen Bildungen "fähig" keine (menschliche) Fähigkeit, kein Vermögen ausdrückt und daß diese Bildungen im Widerspruch zu der Bedeutung von "fähig" stehen, so muß man (wer ist "man", der Duden?) sie doch anerkennen, denn bei diesen Bildungen handelt es sich ja kaum noch um Zusammensetzungen, sondern um Ableitungen. Aha! (Wer sich mit den Ableitungen beschäftigen will, sollte sich einen Tag frei nehmen.) Kurz danach folgt die eigentliche ziemlich fadenscheinige Begründung, mit der der Duden den Freibrief für das universelle, völlig überflüssige und die Verständlichkeit erschwerende Be-"fähig"-en ausstellt. Mit dieser Erklärungsmethode kommt der Duden schnell zum Ergebnis. Er nimmt des Volkes Stimme wahr, und wenn sie nicht den Regeln entspricht, dann denkt er sich eine passende Erklärung dafür aus, die wie eine Regel aussieht.



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